„Fragt uns, wir sind die letzten“

Am 29.03.2021 lud der Verein „Weilburg erinnert“ zu einem Gespräch mit der Holocaust-Überlebenden Esther Bejarano ein.

Trotz der durch das Corona-Virus bedingten Einschränkungen der Kommunikation ermöglichte es eine digitale Videoplattform, die Geschichte der damaligen Augenzeugin live zu hören.

Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer der Gesamtschule Gießen-Ost haben unter den 340 anwesenden Gästen an diesem Zeitzeugen-Gespräch teilgenommen.
2018-01-27 - Ester Bejarano - 3080

Esther Bejarano, damals Loewy, erzählt, sie habe großes Glück gehabt ein Instrument zu beherrschen und im Mädchenorchester im KZ Ausschwitz mitzuspielen. Diese Aufgabe ermöglichte es und half ihr, länger zu überleben. Nachdem sie durch ihre christliche Großmutter väterlicherseits als „viertelarische“ Jüdin anerkannt wurde, verlegte man sie von Ausschwitz-Birkenau in das KZ Ravensbrück, wo sie als Zwangsarbeiterin im Siemenslager Ravensbrück Montagearbeiten durchführen musste.

In der Schlussphase des Krieges war Loewy gezwungen, an den berüchtigten Todesmärschen teilzunehmen, die zum Ziel hatten, Überlebende massenhaft zu vernichten.

„Wir mussten uns in Siebener-Reihen aufstellen. Jeder, der noch gehen konnte. Sieben Mädchen oder Frauen in einer Reihe und links und rechts jeweils ein SS-Mann mit einem Gewehr.“

Sie und ihre Freundinnen ahnten, dass sie nach diesem Marsch in der Ostsee ertränkt werden würden, wenn sie nicht versuchten, unterwegs zu fliehen.

„Wir gingen, gingen und gingen und wenn jemand hinfiel und nicht mehr die Kraft hatte so schnell aufzustehen, wurde er gnadenlos von den SS-Männern erschossen und liegen gelassen.“

Nach fünf Tagen hörten Esther und die Frauen aus ihrer Reihe einen SS-Mann darüber sprechen, dass nicht mehr geschossen werden dürfe. In diesem Moment wussten sie, die Alliierten dürften nicht mehr weit weg sein. Und so war der Entschluss gefasst.

„Jede versteckt sich hinter einem Baum, wenn wir durch einen Wald marschieren.“

Zwischen Karow und Plau am See konnte Loewy zusammen mit Freundinnen fliehen. Die Kolonne zog weiter…

„Wie können Menschen mit anderen Menschen so umgehen?!“, fragt Esther Bejarano bis heute. Nicht nur sich, sondern uns alle.

 „Bitte schweigt nicht!!!“, erklärte Frau Bejarano entschlossen, nachdem sie von einem Schüler gefragt wurde, wie man der Anforderung und Verantwortung gerecht werden könne, diese Taten nie mehr zu vergessen und nie mehr vorkommen zu lassen.

Ihr Apell, eine solche Grausamkeit nie wieder geschehen zu lassen, zog sich wie ein roter Faden durch das gesamte Gespräch und ihre Erzählungen.

Gebannt lauschten die Gäste den Worten Esther Bejaranos. Es ist weitaus prägender und berührender, die Vorkommnisse von einer Zeitzeugin geschildert zu bekommen und nicht einfach nur im Geschichtsbuch nachzulesen oder in einem Film anzuschauen.

Die Gäste hatten die Möglichkeit, Fragen zu stellen und unmittelbar Antworten zu erhalten. Diese Chance wurde zunächst schüchtern, aber dann doch neugierig und zahlreich ergriffen. Wissbegierig und interessiert fanden die Fragen kein Ende. Esther Bejarano freute sich über das rege Interesse an ihren Erzählungen.

Trotz der Videoplattform und des Gesprächformats als Telefonanruf herrschte hier eine bedrückende Stimmung und besondere Nähe zwischen der Erzählenden und den Zuhörern.

Teilgenommen haben der Leistungskurs 12 und der Grundkurs 13 Geschichte von Herrn Reis, ein E-Kurs 9 Deutsch von Frau Hartmann und Schülerinnen und Schüler von Herrn Agman.

Frau Hartmann